Niedrigzinsphase erfordert strukturelle Veränderungen im Filialnetz zur Zukunftssicherung

Der sich weiter verschärfende Wettbewerb im Bankenmarkt, immer neue regulatorische Anforderungen, eine zunehmende Digitalisierung verbunden mit einem stark veränderten Kundenverhalten und besonders die lang anhaltende Niedrigzinsphase stellen die Volksbank Mitte eG vor große Herausforderungen in der Zukunft.

Die Kunden haben durchaus eine hohe Kontaktfrequenz zur Bank. Die Art des Kontaktes ist allerdings vielfältig. Die Filiale wird überwiegend nicht mehr genutzt, sondern über PC, Smartphone oder Telefon wird eine Serviceleistung durchgeführt. Gemäß einer Veröffentlichung des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) erfolgen im Privatkundengeschäft inzwischen 98 % der Kontakte zur Bank online und lediglich noch 2 % der Kontakte über die Filiale. Eine Frequenzmessung in den Filialen der Volksbank Mitte eG über einen längeren Zeitraum hat dieses insofern bestätigt, als lediglich im Durchschnitt noch 2 – 3 Kunden pro Stunde Öffnungszeit die Filiale besuchen, um Dienstleistungen im Service in Anspruch zu nehmen. Auf dieser Basis ist die wirtschaftliche Tragfähigkeit vieler Filialen nicht mehr gegeben. Nahezu die Hälfte der Girokonten wird bei der Volksbank Mitte eG online geführt. Die Tendenz ist stark steigend.


Erheblich zunehmende regulatorische Anforderungen verursachen zusätzliche Kosten, die die Banken zu tragen haben. Allein 2014 und 2015 waren diverse neue oder veränderte Vorschriften umzusetzen, die auch in der Volksbank Mitte eG zu zusätzlichen Belastungen der zuständigen Mitarbeiter und zu Kostensteigerungen für die unabdingbar notwendige technische Unterstützung geführt haben.

Die größte Herausforderung sind jedoch die niedrigen Zinsen. Die Volksbank Mitte eG hatte zunächst keine Probleme mit der Bewältigung der im Jahr 2008 begonnenen Finanz- und Wirtschaftskrise – im Gegenteil. Gerade den regional tätigen Banken mit ihrem einfachen und transparenten Geschäftsmodell, das darin besteht, Einlagen von unseren Kunden in der Region hereinzunehmen und diese als Kredite für Investitionen unserer regionalen Kunden wieder auszuleihen, vertrauten die Menschen mehr als den großen Bankkonzernen. „Bodenständig“ und „regional engagiert“ war gut und angesehen. Dieses erfolgreiche, leicht verständliche Geschäftsmodell der Volksbanken und auch der Sparkassen wird jedoch jetzt durch die lang anhaltende Niedrigzinsphase, die durch die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank verursacht ist, massiv bedroht. Eine Änderung in der Zinsentwicklung ist im Moment darüber hinaus kaum abzusehen. Selbst führende Vertreter der Deutschen Bundesbank und der Aufsichtsbehörde Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht haben kürzlich von einer dramatischen Entwicklung gesprochen. Sie mahnen sehr deutlich veränderte Kosten- und Erlösstrukturen und eine Überprüfung des Filialnetzes bei insbesondere den regional tätigen Banken an, um die Herausforderungen der Zukunft meistern zu können. Hintergrund dieser Aussagen ist die von der Deutschen Bundesbank im Sommer bei 1.500 deutschen Banken und Sparkassen durchgeführte Untersuchung zu den Auswirkungen der niedrigen Zinsen auf deren Ergebnisse, ein sogenannter „Stresstest“.


Wie bei vielen Regionalbanken sind 75 % der Einnahmen der Volksbank Mitte eG Zinseinnahmen und diese sinken in den nächsten Jahren um rd. 25 % und damit drastisch. Eine Kompensation auf der Einnahmenseite ist aus Wettbewerbsgründen kaum möglich, deshalb schlägt das unmittelbar auf das Gesamtergebnis der Bank durch. Eine Volksbank ist kein „Gewinnmaximierer“. Dennoch muss ein Mindestmaß an wirtschaftlichem Ergebnis erreicht werden, um trotz risikoorientierter Geschäftspolitik gelegentlich auftretende Risiken abzudecken und eine angemessene Eigenkapitalbildung auch in Zukunft zu ermöglichen. Viele aktuelle regulatorische Anforderungen fokussieren sich sehr auf die Eigenkapitalausstattung der Bank. Hier steigen die Anforderungen künftig permanent. Die Volksbank Mitte eG ist gegenwärtig beim Eigenkapital gut aufgestellt, trotzdem muss sie vermeiden, zurück-zufallen. Das würde die Wettbewerbsfähigkeit deutlich beeinträchtigen.

Dieser Entwicklung mit den diversen Außenwirkungen auf uns können wir nicht mehr wie in der Vergangenheit mit kleinen Schritten begegnen, sondern es sind jetzt strukturelle Veränderungen erforderlich, die insbesondere zu einer nachhaltigen Kostensenkung führen müssen.

Vor diesem Hintergrund geben wir bekannt:

Aufsichtsrat und Vorstand der Volksbank Mitte eG haben die Schließung von 15 der aktuell 35 stationären, personalbesetzten Filialen beschlossen. Betroffen sind die Filialen in Bodensee, Breitenworbis, Ebergötzen, Gillersheim, Groß Ellershausen, Hilkerode, Holtensen, Klein Lengden, Landolfshausen, Lenglern, Lindau, Niedernjesa, Obernjesa, Sudheim und Weißenborn-Lüderode. Umgesetzt werden die Schließungen im zweiten und dritten Quartal 2016.

v.l.n.r.: Aufsichtsratsvorsitzender Hartwig Magerhans, Vorstand Rolf Döring, Vorstand Björn Henkel, Vorstandssprecher Holger Willuhn

Beide Entscheidungsgremien sehen jetzt die Notwendigkeit zu diesem Schritt, um die Volksbank  Mitte eG zukunftsfähig auszurichten. Die Volksbank Mitte eG ist aktuell noch wirtschaftlich stabil und hat somit die Möglichkeit, den Prozess eigenständig zu steuern und zu gestalten. Heute beschlossene und eingeleitete Maßnahmen werden erst mit Zeitverzögerung zu Kosteneinsparungen führen. Um die Personalreduktion aus dieser strukturellen Veränderung zu erreichen, wird die Volksbank den Mitarbeitern eine „finanzielle Brücke bauen“. Entsprechende Angebote werden den Mitarbeitern unterbreitet. Bei jetzt geordneter wirtschaftlicher Basis der Volksbank besteht dafür der notwendige Spielraum. Wenn weitere Zeit verstreicht, gibt es gegebenenfalls Zeitdruck durch dann eintretende wirtschaftliche Handlungszwänge.

Als Neuerung für die Volksbank Mitte eG wird bis zum Frühjahr – und damit vor der ersten Schließung - eine volksbankinterne Telefonfiliale aufgebaut, um das Angebot für die Kunden zu komplettieren. Die Vorstände sehen gerade in dieser Maßnahme einen wichtigen und zukunftsweisenden Baustein zur Weiterentwicklung des Angebotes. Die Kunden möchten heute wählen, wie sie mit uns Kontakt aufnehmen wollen: persönlich für den Service in der Filiale oder per Terminvereinbarung mit dem Berater in der Filiale oder zu Hause beim Kunden, online über Smartphone, Tablett oder PC oder zukünftig über das Telefon. Die neue Telefonfiliale wird alle Serviceleistungen einer stationären, personalbesetzten Filiale anbieten. Dieses neue Angebot steht selbstverständlich allen Kunden zur Verfügung und wird, davon zeigten sich die drei Vorstände überzeugt, eine erhebliche Servicesteigerung zur Folge haben. Die Telefonfiliale soll an 5 Tagen in der Woche geöffnet sein und längere Öffnungszeiten als die stationären Filialen aufweisen.

Auch in der digitalen Welt ist die Volksbank Mitte eG gut aufgestellt. Schon lange bietet sie Banking über den heimischen PC. Nicht so sehr bekannt ist dagegen, dass auch mit einer App alle Bankgeschäfte des Alltags bei der Volksbank abzuwickeln sind. In Kürze wird mit paydirekt sogar eine Möglichkeit geschaffen, um beim Interneteinkauf mit hohem Sicherheitsstandard die Bezahlung durchzuführen. Seit Jahresanfang hat die Volksbank begonnen, ihre guten – vielfach nicht bekannten – digitalen Leistungen und Möglichkeiten den Kunden vorzustellen und zu empfehlen. Bei den digitalen Medien wird es keinen Stillstand geben, die Leistungsfähigkeit in diesem Bereich wird zusammen mit den Spezialisten der Genossenschaftlichen Finanzgruppe kontinuierlich weiter ausgebaut. Nur so werden wir der zunehmend steigenden Erwartungshaltung der Kunden gerecht.

Mit der Telefon-Filiale und dem Online-Angebot bietet die Volksbank Mitte eG allen Kunden und Mitgliedern einen gleichwertigen Ersatz oder eine sinnvolle Ergänzung für den persönlichen Service in der Filiale. Eines kann die Telefon- oder Online-Filiale jedoch nicht ersetzen – nämlich die Versorgung mit Bargeld. Schon heute unterhalten wir Geldautomaten als reine Selbstbedienungsstandorte in unmittelbarer Nähe zu Einkaufsmärkten. Das sind unsere Geldausgabeautomaten mit der höchsten Frequenz. Die Kunden heben also dort ihr Geld ab, wo sie es auch ausgeben. Hier wollen wir gezielt weitere ähnliche Standorte suchen und eigene Geldautomaten installieren oder verlagern. Außerdem können die Volksbankkunden an allen Geldautomaten der gesamten genossenschaftlichen Bankengruppe – bundesweit 19.000 Stück - kostenfrei Abhebungen vornehmen.

Aber auch für die nicht so mobilen Kunden gibt es ein Angebot. Erfolgreich haben wir mit dem Dorfladen in Fuhrbach eine Möglichkeit pilotiert, die kostengünstig die Geldversorgung für unsere nicht so mobilen Kunden sichert. Im Dorfladen haben wir ein POS-Terminal installiert, das aus dem Einzelhandel bekannt ist. Damit wird mit der VR BankCard (besser als EC-Karte bekannt) eine Abbuchung vom Konto vorgenommen und im Dorfladen das Geld bar ausgezahlt. Dort, wo wir die Filiale schließen, werden wir mit unseren Vertretern und eventuell den Bürgermeistern nach Möglichkeiten suchen, ein solches Terminal vor Ort mit einem entsprechenden Partner zu installieren. So zeigen wir nach wie vor Verantwortung für die Region.


Die Beratungsleistungen sind von der Veränderung des Filialnetzes ausdrücklich nicht betroffen. Bei Bedarf vereinbaren unsere Berater wie bisher gern auch einen Termin beim Kunden zu Hause, um persönlich mit ihm seine individuellen Vorstellungen und die darauf zugeschnittene Planung seiner Finanzen zu erörtern. Die Nähe zum Kunden wird damit deutlich unter Beweis gestellt.

Trotz der einschneidenden strukturellen Maßnahmen wird die Volksbank Mitte eG im Vergleich mit ähnlich strukturierten, etwa gleich großen Volks- und Raiffeisenbanken im ländlichen Raum immer noch ein überdurchschnittliches Filialnetz aufweisen. Die Vergleichsgruppe weist eine durchschnittliche Anzahl von 14-15 Filialen auf, die Volksbank wird in Zukunft 20 mit Mitarbeitern besetzte, stationäre Filialen und zusätzlich weitere Selbstbedienungsstandorte ihren Kunden und Mitgliedern anbieten. Unser Filialnetz bleibt damit engmaschig. Dort, wo wir eine Filiale schließen, ist die nächstgelegene Filiale überwiegend in 4 – 8 Minuten Fahrtzeit mit dem Pkw zu erreichen. Auch im Vergleich mit unseren regionalen Wettbewerbern sind wir noch sehr gut in der Fläche vertreten. Zwei benachbarte Sparkassen ähnlicher Struktur haben bei einem ca. 40 % höheren Geschäftsvolumen jetzt bereits lediglich 20 bzw. 17 personalbesetzte Filialen.

Vorstand und Aufsichtsrat der Volksbank Mitte eG haben sich diese gravierende Entscheidung nicht leicht gemacht. Ihr ging eine umfassende Analyse aller Filialstandorte und des Nutzungsverhaltens der Kunden voraus. Beide Gremien sehen jedoch eindeutig die Verantwortung, die Volksbank Mitte eG zukunftsfähig aufzustellen. Ein „Aussitzen“ ist in der gegenwärtigen Situation nicht das Mittel der Wahl. Nur wer eine Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen aktiv vornimmt, wird langfristig wettbewerbsfähig sein. Wir wollen eigen bestimmt handlungsfähig bleiben, weiterhin als regional starker Partner unserer Privat- und Firmenkunden wahrgenommen werden und mit Mut die Nutzungsmöglichkeiten der neuen Medien im Interesse unserer Kunden weiterentwickeln.

Duderstadt, 05. Oktober 2015